Wie kommt man/frau dazu über Freiheit zu bloggen? Ein
Blogbeitrag von ekirlu hat den Anstoß gegeben. Dann den
Wikipediaeintrag zu Freiheit gelesen und nachgedacht.
Sind wir frei? Können wir tun, entscheiden, leben, lieben, arbeiten, gestalten, reden, wählen, reisen usw. was bzw. wen bzw. wohin wir wollen? Immer wenn wir an Grenzen stoßen, denken wir über Freiheit nach. Darüber, ob die Grenzen bedeutsam sind und ob wir sie in Kauf nehmen wollen oder müssen. Da hört dann unsere Freiheit auf. Freiheit hört auf, wenn sie die Grenzen des anderen überschreitet: "Was du nicht willst, das man dir tut, das füg auch keinem andern zu." Ach würden sich doch daran auch einmal die Anderen halten ...
Kinder sind nicht frei. Ihre Eltern entscheiden und engen sie ein. Erst wenn sie "mündig" werden, dürfen sie für sich selbst sprechen. Das Problem gibt es auch bei Alten und geistig Verwirrten: Entmündigung. Auch die Entscheidung, ob wir sterben wollen, ist nicht frei. Arbeitnehmer sind nicht frei; sie müssen sich an Arbeitsordnungen und Anweisungen ihrer Vorgesetzten halten. Soldaten sind nicht frei. Knasties sind nicht frei. Manche Frauen sind in ihrer Ehe nicht frei oder werden zur Ehe gezwungen. Hunderte von Gesetzen regeln die Freiheiten: Verträge, Vergehen gegen das Eigentum und das Leben, Verkehrsregeln usw. Man sagt, dass alle vor dem Gesetz gleich sind - also gleich frei? Man sagt, dass Leute mit viel Geld, Einfluss und Macht ihre eigene Freiheit haben. Man rechtfertigt Unfreiheit manchmal mit anderen schönen Begriffen wie Verantwortung, Gemeinwohl, Terrorbekämpfung ... Warum herrschen nicht die Affen über die Menschen? Es soll da ja mal interessante Forschungsergebnisse gegeben haben ...
Der FreiheitsglaubeFreiheit und Tod ("lieber tot als rot"), Freiheitskämpfer, Menschenopfer (warum sind sie eigentlich nicht allgemein erlaubt, Krieg und Todesstrafe gibt es doch auch), Folter, Gehirnwäsche, Ruhigstellung, Unfälle (Unfallopfer und ihre Täter), Konsumterror, Nachsitzen = Strafe für das Schuleschwänzen, Notenopfer in der Schule, Mafia und Erpressung, Entführung, Rufmord, "der gute Ton" - ach wie viele Begriffe und Zusammenhänge gibt es zum Thema Freiheit. Und: Immer wollen andere besser wissen, was gut für einen ist: Glaube keinem etwas zum Thema "Freiheit", denn er will dich nur um deine Freiheit betrügen.
Wie und warum erlernen wir den Begriff "Freiheit"?Wir lernen etwas über Freiheit von unseren Eltern, unseren Geschwistern, unserer Familie. Ihre Vorstellungen von Freiheit erleben wir in unserer Kindheit, wenn wir erlernen müssen, was wir dürfen und was nicht. Grenzregeln, die vielleicht für das Überleben notwendig sind. Man nennt das Erziehung. Was wir eher selten lernen, ist, wie man anderen Freiheit schenkt.
Später kommt die Schule, die Ausbildungszeit hinzu. Lehrer erziehen uns. Ausbilder erziehen uns. Militärdienst erzieht uns. Studium erzieht uns. Wir nennen es oft Sozialisation. Es ist immer damit verbunden, dass wir unsere Freiheit einschränken: wir können nie das tun, was wir wollen, sondern müssen uns stets daran orientieren, was andere für richtig halten. Selbst wenn wir unsere gesetzliche Freiheit (Selbstständigkeit, Mündigkeit usw.) mit dem Erreichen eines bestimmten Alters erlangen, sind es die Rechte und Pflichten ("bürgerliche Freiheit"), die wir nun beachten müssen. Fazit: Wie lernen nie, wirklich frei zu sein. Beweis: Später, im Alter, werden wir sagen, als Kind hatten wir fast grenzenlose Freiheiten und denken uns diese Zeiten schön.
Freiheit und ihre GrenzenWir lernen also immer, dass Freiheit nur soviel ist, wie gerade die Grenzen erlauben. Wir lernen damit zurechtzukommen. Wir lernen aber auch, dass Freiheit ein hohes Gut ist und dass wir uns im Grunde glücklich schätzen können, dass wir in Freiheit leben. Es könnte ja auch schlimmer sein, ist die Antwort bei genauerer Nachfrage. Und wir sollten uns zufrieden geben, denn "grenzenlose" Freiheit gibt es nicht. Trotzdem wird uns immer versichert, dass wir den Begriff der Freiheit schätzen sollen - auch wenn er wirklich nicht erlebbar ist. Im Grunde gibt es erlebte Freiheit nicht, aber der Schein muss aufrechterhalten werden, weil sonst der gesellschaftliche Konsens gefährdet ist und die Ordnung in Frage gestellt wird. Viele Soziologen haben hierzu Theorien entwickelt. Keiner eine, wie man ohne den Begriff besser leben könnte. Seit einiger Zeit bröckelt die Konzeption ein wenig, weil gehirnphysiologische Studien belegen, dass der Mensch keinen "freien Willen" hat, dieses Konzept aber für die freiheitliche Rechtsordnung notwendig ist.
FreiräumeBesser wäre es vielleicht, wenn man den Begriff "Freiheit" weder hoch hält noch für gesellschaftliche Begründungszusammenhänge verwenden würde. Wenn man einfach sagen würde, wir müssen uns arrangieren mit den Menschen, die uns noch ein wenig Luft zum Atmen lassen. Wenn wir unseren Kindern in dieser Enge ein paar Freiräume schaffen könnten und sie ohne Illusionen in die "Unfreiheit" entlassen würden. Ihnen vielleicht Tipps mit auf den Weg geben, wie sie trotz der vielen Grenzen, ihr Leben führen und schätzen können (jaja, der Ansatz vom glücklichen Sklaven ist nicht neu).
Ohne Ordnung und Regeln keine Freiheit.Schauen wir uns den Begriff "Freiheit" in unserer gesellschaftliche Ordnung genauer an, also Grundgesetz, bürgerliches Gesetzbuch, Strafgesetz usw. Eine zentrale Rolle spielt hier die Beziehungsgestaltung des Bürgers zu anderen Bürgern. Sie wird im allgemeine durch Verträge geregelt. In diesen Sinne spricht man von der "Vertragsfreiheit", der Freiheit also, seine Verträge so zu gestalten, dass sie zur beiderseitigen gleichberechtigten Gestaltung einer Beziehung werden. Wir kennen das ja zu hauft: Kaufverträge (mit Kleingedrucktem), Arbeitsverträge (wo wir nur unterschreiben können), Eheverträge usw. Verträge regeln oft die Leistungen und Verhaltensweisen (ich geb dir und bekomm dafür von dir) und ihren Ausgleich. Freiheit gegen Geld (bzw. der Basis fürs Überleben). Aufgabe von Freiheiten, um Sicherheit zu erhalten. Man sagt, dass wäre fair, weil man ja nicht zu seinem Glück gezwungen wird. Und: wer es sich nicht leisten kann, der hat auch nichts zu fordern. Die Schuldnerberatung lässt an dieser Stelle grüßen.
Schule und FreiheitNeben der Tatsache, dass Kinder noch im Stadium der Unmündigkeit die meiste Zeit in der Schule sind (die Diskussion über freiheitsberaubende Schulstrafen lass ich grad mal weg) und auch dorthin müssen (Diskussion über die Schulpflicht und ihre Befreiung lass ich auch grad mal weg ... nur zur Erinnerung: Eltern dürfen ihren Kindern keinen Privatunterricht als Schulersatz geben), wird der Erziehungsauftrag - wie man mit der Freiheit umgeht - mit Leuten umgesetzt, die eigentlich keine Ahnung davon haben: nämlich mit verbeamteten Lehrern. Wie sollen solche Menschen, die ja selten in ihrem Leben von ihrer Vertragsfreiheit gebraucht machen mussten (Arbeitsvertrag eines Lehrers aushandeln mit allen Gestaltungsfreiheiten) jemanden beibringen, wie er/sie ihre vertragliche Freiheiten fürs eigene Leben gestalten könnte. Wie viele Schüler werden in der Schule für eine Leben in einem freien Beruf ausgebildet (Selbstständigkeit), wie viele Einstellungen, Verhaltensweisen können von einem Lehrer hierzu kommen? Das macht nachdenklich. Lehrer reproduzieren Berufsrollen (ein Leben lang den gleichen Job, den gleichen Arbeitgeber) die es im aktuellen Berufsleben so nicht mehr gibt. Das ist nicht gut. Weder für die Schüler, noch für die Freiheit.
Persönliche FreiheitenWenn man seine Meinung sagt, wird man auch schnell merken, dass man nicht alles sagen darf. Sowas wie Meinungsfreiheit gibt es abstrakt, aber konkret darf man doch nicht alles sagen. Von Gesetz wegen ist Beleidigung, üble Nachrede und Rufschädigung was ganz Schlimmes und kann auch empfindlich bestraft werden. Auch dem beliebigen (freien) (Be-)Nutzen von Begriffen, Bildern, Geräuschen ist schnell ein Ende gesetzt: Anwälte schicken Abmahnungen und drohen mit Bestrafung. Nur wenn man bezahlt bzw. reich ist, kann man sich die "Rechte" leisten (man kauft sich sozusagen die Freiheit). Wobei die ganz Reichen durchaus auch mal Pleite werden dürfen, weil sie dann von der Gesellschaft wieder aufgepäppelt werden. "Freiheit" ist ja grenzenlos und manche können sie sich auch leisten *gg*.
Manchmal sind die Grenzeinhaltungen der Meinungsfreiheit nicht durch offizielle Gesetze, Verträge definiert. Es gibt Konventionen, wie man mit seiner Meinungsfreiheit umgeht, welche durch soziale Ächtung und Ausschluss aus Kommunikationsverbünden sanktioniert werden. Sogar im
Internet. Allerdings gibt auch konkurrierende Freiheiten: So kann man legal durchaus anonym oder per Pseudonym seine Meinungsfreiheit wahrnehmen. In der virtuellen Welt kann dies zum Beispiel durch einen Avatar geschehen. Auch wenn viele dies gar nicht als Freiheit verstehen und ihr Unverständnis darüber ausdrücken. Aber immer daran denken, dass zuviel Meinungsfreiheit auch ihre Grenzen hat, und das ist doch auch gut so, sonst .... nicht wahr?
Alle philosophischen Denker über die Freiheit hatten die Freiheit über die Freiheit nachzudenken. Ob das eine Voreingenommenheit ist?
Nachtrag 2009-02-05:Hier ist ein Artikel über die aktuelle philosophische Freiheitsdiskussion, welche auch den neuronalen Aspekt berücksichtigt:
klickNachtrag 2009-02-06:Ich glaube, der Aspekt der persönlichen Freiheit bzw. Unfreiheit in einem sehr speziellen Fall ist noch unerwähnt, die Meinungs
freiheit. Ein starker Indikator. Zur Meinungsfreiheit gehört natürlich auch die Freiheit der Darstellung der Persönlichkeit (Selbstdarstellung). Damit verbunden ist die teilweise Aufgabe der Privatsphäre. So lange diese
freiwillig (darin besteht die Freiheit) ist, scheint alles ok zu sein, aber die mediale Speicherung macht daraus ein Problem: das des Nicht-Mehr-Vergessens. Die Diskussion
hier soll dazu ein wenig erhellen. Unerwähnt ist dabei noch die un
freiwillige Preisgabe der Privatsphäre ... das wird sicherlich an anderer Stelle noch aufgegriffen.