20.12.2008

Web 2.0 - Mensch 2.0 - Avatar 2.0

Im wirklichen Leben (real life = RL) spielen Menschen in verschiedenen Situationen unterschiedliche Rollen. Soziologen, Psychologen, Pädagogen usw. beschäftigen sich damit, versuchen das Warum und Wieso und die Bedeutung für die Identität eines Menschen zu ergründen bzw. zu nutzen. Wer kennt nicht den Begriff des Rollenspiels? Sogar das Einüben neuer oder anderer Verhaltensweisen und Einstellungen wird darüber vorgenommen. Theater, Kino, Schauspieler, Politiker, Berufsgruppen usw. assoziiert man mit diesem Phänomen. Wer nicht aus der Rolle fällt, der ist berechenbar, authentisch, angenehm, vorzeigbar. Wir wissen alle was wir davon haben, wenn wir unsere Rollen gut spielen und wenn jemand es nicht so gut beherrscht, der fällt schon ein wenig auf. Rollenkonformität!

Manchmal stehen uns die vorgegebenen Rollen im Weg. Wir brauchen viel Kraft und Aufwand, um aus der Rolle auszubrechen, oder über ihr zu stehen. Manchmal braucht es sogar professionelle Hilfen dabei: Er steht sich selbst im Weg. Wenn er doch nicht so förmlich wäre. Kann sie nicht über ihren Schatten springen. Sie wird durch ihre Doppelrolle hin- und hergerissen. Er kann die Rollenerwartung nicht erfüllen ... oder er füllt seine Rolle nicht aus. Mehr Schein als Sein. - Nimm doch mal eine andere Perspektive ein. Lass dich doch nicht immer von deiner Rollenerwartung treiben. Schau doch mal hinter die Fassade. Er spielt seine Rolle perfekt, aber im wahren Leben ist er nicht so.

Auch das kennen wir, das Leid, welches sich hinter der Rolle verbirgt, weil uns die Rolle nicht auf den Leib geschnitten ist oder wir andere Bedürfnisse haben, die uns durch die Rollen nicht möglich sind zu befriedigen. Das Vorurteile mit einer Rolle verbunden sind, ist auch für jeden klar: Immer diese "Bürokraten" usw.

Rollenspiel im Web 2.0

Natürlich spielen wir auch eine Rolle im Web 2.0. Wie viel vom RL hineinfließt, ist eine Frage der Darstellung, welche Rolle des RL wir im Web 2.0 spielen wollen/können. Bekannte werden manchmal auf Veränderungen stoßen und sagen: "Ah, das hab ich ja von ihm/ihr noch gar nicht gewusst" oder "Oh im Internet ist sie/er ja ganz anders". Bei neuen Begegnungen/Bekanntschaften spielt das vorerfahrene RL keine Rolle und daher werden sofort alle Antennen ausgefahren und die personality abgeklopft nach bekannten Mustern (Schubladen), um den Anderen/Fremden einzuschätzen (schönen Wort): Schätzwert feststellen oder einen Schatz für sich gewinnen oder abschätzen, wie billig komme ich ans relationship [investment for social contact] heran bzw. steht er/sie auf der selben Statusstufe [Ranking für hoch- oder runterschauen oder sogar manchmal auf gleicher Augenhöhe betrachten]. Da muss man etwas von sich preisgeben bzw. über spezielle Kommunikationscodes Signale setzen: Wortwahl, passendes Bildchen, Satzbau, Kommunikationspräsenz, Themenwahl, Beziehungsmanagement per Beipflichtung oder Abwertung oder Kritik oder Verteilung von Komplimenten usw. usw, Auswahl der Kommunikationspartnerschaften usw.

Nach einer Weile verfestigt sich das Bild und auch die Erwartungshaltungen (z. B. nach 2000 Beiträgen) im Web 2.0 und sind ähnlich stabil wie im RL. Manchmal hat man sogar mehr Glück als im RL: das ausgeformte Rollenensemble trägt sich besser und man wird vielleicht durch das Versteckenkönnen des ein oder anderen Handikaps (Äußerlichkeiten, Sprachfehler usw.) nicht in gleicherweise behindert wie im RL (hic!). Manche empfinden auch mit der Möglichkeit des prinzipiell einfacheren Rollen-Selbstmords im Web 2.0 (ich mach mir eine neue Identität, die alte lösch ich) durch das damit verbundene Provisorische der Rolle eine Erleichterung.

A Star is born

Wie macht man sich oder jemanden populär. Viele TV-Sendungen zeigen die Grundmuster der Sternchen-Werdung auf:

1] hab eine glaubhafte passende Legende (Schicksal meinte es gut oder schlecht mit einem usw.)
2] zeige eine besondere Leistung (nicht arrogant, überheblich, sondern zeig Einsatz, Leistung, die Unsicherheit darüber, ob du dazu gehörst, zeig Glauben an den Erfolg, zeig Aufsteigermentalität: vom Looser zum gemachten & verehrten Sieger)
3] habe eine Bühne (du brauchst Publikum, dass dich wahrnimmt und dich lieben kann)
4] habe eine Initiation (durch eine Jury oder eine Instanz, der du dich stellen kannst, die dich stellvertretend prüft)
5] habe glaubwürdige Fürsprecher (Promotoren, die in ihrer Reaktion auf dich das Publikum überraschen - wer kennt nicht diese Heulsuse: 'Du bist ein Star ...' oder der Hardliner: 'ich hab soviel Scheiße gesehen, da fällst du echt auf ...')
6] habe immer den Glanz der Dankbarkeit für deine Fans in deinen Augen und falle dabei nicht aus deiner Rolle (ach wie viele Sternchen haben sich durch negative Presse wieder als Sternschnuppe auf dem Boden wiedergefunden)
7] wenn du ein Star geworden bist, dann verhalte dich wie einer (keine Angst vor der neuen Rolle, es ist eh alles nur eine Show)

Wir können hier also Muster für eine erfolgreiche Star-Karriere im Web 2.0 ableiten. Ob wir wollen oder nicht, so oder fast so funktioniert es zur Zeit. Mag sein, dass es noch andere Weg gibt ...

Avatar 2.0

Im Wiki kann man sich über den Avatar erkundigen. Was ist er im Zusammenhang mit dem Web 2.0 bzw. als Alternative zum Mensch 2.0? Er kann Rollen austesten! Er kann als Anonymous auftreten! Er kann unerwartete Rollenerwartungen auslösen bzw. sich vorschnellen entziehen.

Ein Avatar zeigt, dass er nur spielt und nimmt daher einen fiktiven Charakter ein. Da er auch fiktive aber dennoch bekannte Rollenverstellungen einnehmen kann (der Frosch und die Prinzessin) kann er mit Metaphern und Allegorien spielen und konfrontieren und weil er eine bewusste Kunstfigur ist, dies auch tun ohne direkt zu verletzten. Es ist die Nähe zur litararischen Figur bzw. der Rolle des Narren, Dinge auf eine direkte Art anzusprechen, die jenseits der normalen Rollenkonformität liegen. Es ist aber auch immer das Geheimnis, wer steckt dahinter, dass für eine ambivalente Kommunikationsstruktur sorgt: Wer zum Narren spricht, der darf auch Dinge sagen, die man sonst nicht sagt.

Solche Situationen werden in alles sozialen Strukturen als Ventil verwendet und dienen der Psychohygiene. Ein beliebtes Beispiel zeigt den Kern: In Japan darf man einer Äußerung eines offensichtlich total Betrunkenen keine Bedeutung beimessen. Das ist ein Codex. In nüchternem Zustand verbietet sich jegliche Kritik an einer im social ranking höher geltenden Person. Was macht also ein japanischer Cheffe? Er lädt seine "Mitarbeiter" (lies: Untergebenen) am Nachmittag in eine Bar zum Beispiel in der Kabukichō ein und füllt sie mit Hochprozentigen ab. Nach einer Schamfrist (alle Beteiligten kennen ja das Spiel) beginnen die Ersten sich über allgemeine Themen des Büroalltags fotzelnd zu unterhalten. Es ist common sense, dass der männliche Japaner nicht viel Alkohol verträgt (das ist eine Konvention, kein Fakt und dient der Kostenkontrolle *gg*) und daher muss man auch nicht lange warten, bis die erste Kritik am Cheffe vorgebracht wird. Er darf dazu nichts sagen, kann sich aber fragend alles genau schildern lassen. Das Spiel geht solange weiter, bis jeder etwas Kritisches zum Cheffe vorgetragen hat und der Frust sozusagen raus ist. Dann verabschiedet sich der erste oder die ersten beiden und innerhalb kürzester Zeit sitzt der Cheffe allein in der Bar. Und jetzt kommt das Spannende. Natürlich ist keiner der Beteiligten wirklich betrunken. Aber 5 Meter vor dem Etablissement fallen sie im tadellosem Anzug mit Aktenköfferchen zu Boden, als wären sie sturzbesoffen. Keinen der Passanten kümmert das. Nach weiteren 10 Minuten verlässt der Cheffe das Lokal und geht schwankend (!) in eine anderen (!) Richtung von dannen. Weitere 5 Minuten später ist die Schamzeit abgelaufen und die am Boden liegenden Gestalten stehen auf als wäre nichts gewesen und gehen nach Hause (bloß nicht in die Richtung, die der Cheffe eingeschlagen hat). Sollte einmal das Maleur passieren, dass sich aus Unachtsamkeit beide begegnen, wird so getan, als würde man sich nicht kennen.

Also alles Theater? Ja, aber mit einer wichtigen Funktion in einer Gesellschaft, die extrem von Rollenkonformität geprägt ist. Und was hat das mit dem Avatar 2.0 zu tun? Er/Sie lotet das Spiel aus und ist möglicherweise ein Analogon zum Mensch 2.0.

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